MEX zu Gast bei der ContiRidingSchool
1000PS besucht das ContiDrom in der Nähe von Hannover
Die Philosophie von Continental ist eine lobenswerte: Sie besagt, dass das langfristige Entwicklungsziel erst erreicht ist wenn es keine Verkehrsopfer mehr gibt. Passend dazu haben Sie sich die Vision Zero auf die Fahnen geheftet. Zero accidents, zero injuries, zero fatalities. Also ein absolut sicheres Fahrerlebnis auf öffentlichen Strassen.

Die Vision Zero basiert im Wesentlichen auf den folgenden drei Säulen:
- ein perfekt funktionierender Reifen,
- ein optimal geschulter Fahrer und
- intelligente Unterstützung des Fahrers durch Assistenzsysteme
Tag 1 am Contidrom – die Theorie:
Dass Conti zu den Top Reifenfabrikanten im Motorradsektor gehört, weiss man als versierter Biker ohnehin. Aber was haben Sie mit den letzen zwei Punkten zu tun? Nun ja, die Reifenproduktion selbst macht in der Continental-Gruppe heute nur noch etwa ein Viertel des gesamten Wirtschaftsbereiches aus. Längst ist Continental auch zu einem der führenden Anbieter im Sektor aktiver Assistenzsysteme avanciert. Entwickelt werden neben Kurven-ABS-Systemen, Tempomat und anderer bereits in Verwendung befindlicher Technologien auch innovative Neuerungen wie beispielsweise dem Notbrems-Assistent, Totwinkel-Assistent oder Verkehrszeichenerkennung fürs Motorrad. Die Infos werden dabei direkt ins Cockpit bzw. in den Spiegel übertragen.
Ich persönlich bin kein besonderer Fan von Smartphone-Konnektivität am Motorrad. Anrufe, Nachrichten, Wetterdaten und Ähnliches bleiben besser in der Hosentasche. Die oben genannten Informationen, welche unmittelbar und aktiv zur Fahrsicherheit beitragen sind mir aber herzlich willkommen. Mit dem Motorrad mal länger auf der Autobahn unterwegs? Da kommt mir die Spurwechselhilfe gerade recht! Ebenfalls habe ich mich schon des Öfteren dabei erwischt, als ich nach dem letzten Temposchild rätselte ... immer noch 70 - oder doch schon 100? Die Verkehrszeichenerkennung fand ich schon bei der Einführung im Auto spitze.
Conti empfiehlt 2 mm Restprofiltiefe!
Bevor jetzt der gedankliche Aufschrei kommt, die Erklärung: Weniger Gummi am Pneu heisst weniger Walkbewegung und das wiederum bedeutet eine geringere Hitzeentwicklung. Was ein Reifen, der nicht auf Betriebstemperatur kommt, für das Fahrverhalten heisst, kann man erahnen. Des Weiteren leidet auch die Brems-Performance bei niedriger Restprofiltiefe. Ganz einfach daher, weil weniger Material vorhanden ist, welches sich mit dem Untergrund verzahnen kann. Kritisch ebenfalls die Drainagewirkung bei abgefahrenen Reifen - Aquaplaninggefahr bei hohem Wasserstand. Selbstverständlich gilt das natürlich nicht nur für Reifen von Continental sondern auch für die Fabrikate eines jeden anderen Herstellers. Mit einem gesetzlichen Minimum von 0,8 bis 1,6 mm wie es in vielen europäischen Ländern üblich ist, kann jedenfalls keine optimale Funktionalität der Reifeneigenschaften gewährleistet werden.
Rundgang im Contirdrom
Besonders Highlight war hierbei die AIBA (Automatic Indoor Braking Analyzer) wo in einer kontrollierten Umgebung vollautomatisierte Bremstests durchgeführt werden. Vorerst allerdings nur für den PKW-Bereich. Der Faktor Mensch wird ausgeblendet, in dem das Bremspedal via Computer über ein hydraulisch gesteuertes System betätigt wird. Die Strassenbeläge sind auswechselbar, sodass sämtliche Fahrbahn-Beschaffenheiten simuliert werden können. Mittels Schlitten werden die Fahrzeuge auf bis zu 120 km/h beschleunigt. Ganz grosses Kino wenn 3 Meter vor den Besuchern wiederholte Vollbremsungen aus hoher Geschwindigkeit durchgeführt werden.
Die Anlage in der Nähe von Hannover weiss allerdings noch mit vielen weiteren Besonderheiten zu überzeugen. Oval mit Steilkurven, bewässerter Nasshändling-Parcours, Trockenhandling-Rundstrecke also sozusagen eine Rennstrecke im Klein-Format, etc… Das alles schätzt aber nicht nur Conti selbst, sondern auch viele andere namhafte Hersteller in der Fahrzeugbranche. Was wiederum auch ein Grund für die gute Buchungslage ist - freie Tage am Contidrom sind selten. Umso mehr freut es mich, dass ich bei einem der raren Events hier dabei sein durfte.
Tag 2 bei Conti - endlich Gas geben!
Die Freude auf´s Fahren war gross. Als würdige Testgeräte standen Ducati Multistradas mit aufgezogener ContiRoadAttack 3 Bereifung parat. Erste Station war der Trockenhandlingparcours. Hier durfte ich wieder einmal die sportliche Seite des Reifens erfahren. Bei der Präsentation auf Mallorca war ich ja bereits schwer begeistert davon, wie viel Sport tatsächlich in diesem Sport-Touring-Pneu steckt. Die Fahrt über den Parcours bestätigte meine bisherige Erfahrung. Durch die tolle Traction-Skin Technologie, mit welcher der Reifen ohne Trennmittel gefertigt wird, ist kaum Einfahren notwendig. Ebenfalls eine Erwähnung wert, die schnelle Aufwärmzeit: bereits in der dritten Runde der 1,3 km langen Strecke konnte die Multistrada aufs Knie gelegt werden. Phantastischer Grip trotz Asphalttemperaturen unter 20 Grad am frühen Vormittag bot der Reifen scheinbar unendliche Haftung. Limitierender Faktor waren am Ende sicherlich die aufsetzenden Fussrasten an der Multistrada.
Gutmütig und kontrolliert in den Grenzbereich und darüber hinaus.
Ich wäre nicht ich, hätte ich es nicht doch wissen wollen: Trotz Fussraste und Knie am Boden winkelte ich beim letzten Turn in einer vertrauenserweckenden Linkskurve noch weiter ab. Nach dosiertem Dreh am Gasgriff, ein Stück hinter dem Scheitelpunkt, schmierte mir der Hinterreifen weg - das Limit war erreicht. Die im Sport-Modi erschreckend spät einsetzende Traktionskontrolle samt dem gutmütigen Reifen-Verhalten im Grenzbereich, bewahrte mich vor dem Abflug. Zurück blieben nur zwei Striche. Der Zweite war allerdings nicht am Asphalt zu finden.
Schräglagetraining mit Stützrädern
Zwei speziell aufgebaute Kawasaki ER-6n vom Veranstalter Race & Fun erwarteten uns an dieser Station. An beiden Seiten der Bikes waren verstellbare Ausleger mit Stützrädern montiert. Gefahren wurde der klassische Achter. Besonderes Augenmerk legte man bei dieser Übung auf die Blickführung - ein nicht zu unterschätzender Faktor für die erfolgreiche Kurvenfahrt. Durch die Stützräder konnte gefahrlos in ordentliche Schräglagen vorgedrungen werden. Insgesamt eine tolle Station wo einige Teilnehmer ihre Knieschleifer entjungferten und das "Hanging-Off" trainieren konnten. Dass der ContiRoadAttack 3 auch in Schräglagen von mehr als 45 Grad ordentlichen Grip bietet, wurde hier ebenfalls wieder eindrucksvoll demonstriert.
Lowspeed Handling - simuliertes urbanes Umfeld
Wer kennt es nicht? Wieder mal in der Stadt unterwegs, schleppender Verkehr, enge Gassen, kaum Platz zum Rangieren... Das alles wurde im Lowspeed-Handling-Parcours simuliert. Im ersten Gang wurde gefühlvoll mit Kupplung und Bremse umgegangen. Empfehlung der Conti Instruktoren: Um das Fahrzeug zu stabilisieren, immer die Hinterrad Bremse verwenden - auch zum Anhalten. Das abrupte Stehenbleiben bei Schrittgeschwindigkeit kann beim Bremsen mit den Vorderrad-Stoppern ungewollte Schaukelbewegungen hervorrufen, die dann oftmals zum Umfallen bzw. Umkippen des Fahrzeugs führen. Ausserdem funktionieren einige ABS Systeme unter 5 km/h nicht mehr optimal - rutschendes Vorderrad möglich.
Mit 50 durch die 30er Zone?
Den Punkt Gefahrenbremsung bzw. Notbremsung durften wir in drei verschiedenen Geschwindigkeiten absolvieren - mit 30, 50 und schliesslich 70 km/h. Faszinierend war für mich gleich nach den ersten Manövern, wie gut und kontrolliert eigentlich moderne ABS-Systeme funktionieren. Binnen kürzester Distanzen war die Ducati Multistrada sicher zum Stehen gebracht. Interessant war dabei natürlich auch wie sich der Anhalteweg zusammensetzt. Bei einer Fahrtgeschwindigkeit von 70 km/h und einer Reaktionszeit von einer Sekunde fährt man beispielsweise schon mal bis zu 20 m bevor überhaupt gebremst wird. Unter optimalen Verhältnissen beträgt der anschliessende echte Bremsweg etwa 24 m. Zusammen ergibt das einen Anhalteweg von 44 Metern. Gar nicht so wenig, oder?
Besonders Eindrucksvoll war auch das nachfolgende, praxisnahe Beispiel bei dem ein Motorradfahrer mit 50 km/h in der 30er Zone unterwegs ist: Der gesamte Anhalteweg bei einer Fahrtgeschwindigkeit von 30 km/h beträgt etwa 14 Meter. Bei einer gefahrenen Geschwindigkeit von 50 km/h beträgt alleine der Reaktionsweg bis zu 14 Meter! Das heisst im Extremfall fahre ich ungebremst in das Hindernis. Also: Obacht!
Kommt die ContiRidingSchool bald für jedermann?
Die Pläne dazu liegen bei den Verantwortlichen bereits in der Schublade. Heuer, 2017 wird es allerdings aufgrund der wenigen freien Tage am Contidrom nicht mehr dazu kommen.
Für mich war das Wochenende hier jedenfalls ein echtes Erlebnis - interessant, aufschlussreich und vor allem auch spassig. In diesem Sinne hoffe ich, dass bald auch privaten Leuten die Möglichkeit geboten wird, die Innovativität und Qualität der Conti Produkte selbst erleben zu dürfen. Stay tuned!
Bericht vom 31.05.2017 | 14.282 Aufrufe