Aus dem Leben gerissen
Aus dem Leben gerissen |
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In memoriam Martin Flocki Loicht, 11. 7. 1962 10. 6. 2010 |
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Braunsberg-Rennen 1989 auf einer Kawa Z500 mit Stollenreifen. |
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Eine Institution der österreichischen und internationalen Motorradszene ist
nicht mehr: Martin Loicht, auch Flocki genannt, wird nicht mehr von der Isle
of Man zurückkehren. Er stürzte im Supersport-Rennen der Tourist Trophy. Es war
ihm nicht mehr zu helfen. Dabei war es gar nicht sein Rennen. Lediglich ein
Training für den Lauf des TTX-GP, für den er mit seinem Eigenbau-Elektromotorrad
genannt hatte. Motor: Ein Wiener starb auf der Isle of Man. So lautete die Überschrift eines kurzen Berichts im Sportteil der Tageszeitung Kurier am Samstag, 11. Juni 2010. Gut die Hälfte des schmalen Zwölfzeilers nimmt die Einleitung ein, das übliche Blabla, à la schon wieder ein Toter bei der Tourist Trophy. Der Rest sagt uns wenigstens, dass es sich um Martin Loicht handelt. Mit keinem einzigen Wort wird erwähnt, dass er in der nationalen und internationalen Motorrad-Racing-Szene, besonders in der Tschechischen Republik (er war dort massgeblich am Wiederaufbau des Zweirad-Rennsports beteiligt) eine Institution, eine Ikone, eine Legende war. Ein Wiener starb auf der Mehr Platz und Respekt räumt Imre Paulovits - Journalist, Rennfahrer, langjähriger enger Freund dem Flocki in MSA (Motor Sport Aktuell) ein. Ein Auszug: Martin Loicht war einer der erfahrensten Strassenrennfahrer Österreichs. Zahllose Siege bei Strassenrennen in Tschechien, Österreich und Ungarn hatte der 48-jährige Ingenieur gesammelt, und Strassenrennen waren der Mittelpunkt seines Lebens. Nach über einem Jahrzehnt der Abstinenz von der Insel hat er sich mit dem Aufkommen der Elektro-Bikes wieder den Traum Isle of Man gegönnt. Die Supersport 600-Läufe hatte er als Training für den TTXGP gesehen, wo er mit seinem Eigenbau an den Start gehen wollte. Doch das Schicksal war unerbittlich. In der dritten Runde, kurz nach dem Tankstopp stürzte er in der Sektion Quarry Bends und erlag seinen Verletzungen. Über Martin Loicht, auch genannt Flocki, muss man eigentlich ein Buch schreiben. Er war ein Mann unendlich vieler Facetten. An einige können sich alle erinnern. Zum Beispiel: Bei seinen Rennen war er meistens der letzte am Vorstart. |
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Martin Loicht, mitten im Leben. |
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Er war trotzdem oft der erste im Ziel. Ersteres, weil er gewöhnlich bis zur
letzten Sekunde geschraubt und optimiert hat, oft die ganze Nacht hindurch, für
sich und meist auch für andere. Zweiteres, weil er zusätzlich zu
seiner Fähigkeit, blitzschnell zu analysieren, einfach ein Gespür gehabt hat,
für den richtigen Zeitpunkt zum Bremsen, zum Gasgeben, für die Linie. Egal, ob
es Offroad-, Stadt-, Land-, Flugplatz- oder - seltener - auch Renn-Strecke war.
Rundkurse waren nicht so seines, gewöhnlich taugte ihm die Atmosphäre eines
offenen Fahrerlagers mehr als die einer betonierten Boxengasse. Gefahren ist Flocki weit mehr als tausend Rennen. Gesiegt hat er weit öfter als 150 Mal. Er startete in Österreich auf dem früheren Österreichring, auf dem Salzburgring, in Schwanenstadt, auch am Erzberg -, in der Tschechischen Republik, in der Slowakei, in Ungarn, in der ehemaligen DDR, in Polen, in England und in Irland. Er startete auf den unterschiedlichsten Eisen unterschiedlichster Hersteller. Norton (u. a. SS 650 Featherbed, Domi Racer), Yamaha (u. a. RD 350, TZ 250), BSA, Kawasaki (u. a. Z500), Honda (u. a. 750 Egli, CBR600), pro Rennveranstaltung gleich in mehreren Klassen. Meist war sein Material dem der anderen weit unterlegen. Im Schrauben, im Finden von technischen Lösungen, im Erfindungsreichtum war er allen anderen immer überlegen. |
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Er fuhr IMMER Motorrad. Auch im Winter. Legendär waren die Neujahrsausfahrten - zur Dopplerhütte. |
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Er war beredet. Und er redete sehr gerne. Lange. Ausführlich. Man konnte ihn
alles fragen, kaum ein Thema konnte nicht diskutiert werden, keine Frage war zu
blöd. Seine Antworten, seine Erklärungen waren ausführlich. Ungehalten, sehr
ungehalten konnte er aber werden, wenn jemand angelesene Halbwahrheiten als
eigenes Wissen verkaufen wollte. Er war streitbar. Zu Studienzeiten war er nicht nur als Vorsitzender der
Hochschülerschaft politischer Streiter für das Bildungswesen. Als solcher legte
er sich mit Heinz Fischer, heute Bundespräsident, damals Wissenschaftsminister,
genauso an wie mit seinem Nachfolger Erhard Busek. Prof. Dipl. Ing. Loicht. Er ging damit nie hausieren. Martin war darüber hinaus noch viel, viel mehr. Weit mehr als das, was man
lapidar mit vielseitig bezeichnet. Er war auch Lehrer, ein überaus begeisterter
und fördernder, sowie Leiter des Fachbereichs für Maschinenwesen der
Versuchsanstalt am TGM in Wien. Als Milizunteroffizier war er Mitglied des
Milizexpertenstabes des österreichischen Bundesheeres. Als Erfinder und
Entwickler war er beteiligt an unzähligen Entwicklungsprojekten für Firmen
(unter anderem neue Motorentechnologien oder auch einen unbemannten
Aufklärungshubschrauber). Und das ist immer noch längst nicht alles. |
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Martin in Action . |
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Martin, der Sieger mehr als 150 Mal stand er auf dem Stockerl auf der obersten Stufe. |
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An der Entwicklung eines Elektromotorrades war er bereits seit Mitte der
1990er-Jahre massgeblich beteiligt. Die ersten Projekte des Team TGM waren das
Versuchsmodell Taurus, im Prinzip ein Fahrrad mit E-Motor und der Leistung
eines 50 ccm-Mopeds, und das Renn-Eisen Hermes, mit rund 10 kW Dauerleistung
am Hinterrad. 1999 fuhr er damit den Geschwindigkeitsweltrekord über die
Langstrecke zehn Kilometer in Langenlebarn. Top-Speed: 142 km/h,
Durchschnitts-Speed: 98,56 km/h. Bei jenem Eigenbau-Elektromotorrad, mit dem er
beim TTXGP - Time Trials Extreme Grand Prix - auf der Isle of Man hätte starten
sollen, handelt es sich um ein Schulprojekt, für das eigens das
HTBLuVA TGM-Racing Team gegründet wurde. Er war der Martin, der Loicht, der Flocki, wie auch immer wir ihn genannt haben. Er war ganz einfach er. Und als solcher wird er immer in unserer Erinnerung bleiben. So sehr wir alle und wird sind ein grosser, ein sehr grosser, ein internationaler Freundeskreis - um ihn trauern: Niemand wird jemals ermessen können, was sein viel zu früher Tod für seine Familie, Eltern und Geschwister, für seine Frau Nikola und seine Töchter Johanna, Marlene und Antonia bedeutet. |
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Weltrekord auf der Langstrecke in Langelebarn,
NÖ, mit Hermes, |
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Interessante Links: |
Text: Trixi Keckeis, Alexander Riedmüller |
Bericht vom 15.06.2010 | 25.668 Aufrufe