AGV Sportmodular Refractive Carbon Klapphelm im Test 2021
Nur leicht und teuer?
Der Premium-Klapphelm aus dem Hause AGV musste eine Saison lang im Testalltag und auf Reisen zeigen was er kann. Positive und negative Erfahrungen aus über 7.000km im Testbericht!
Der leichteste Klapphelm der Welt: AGV Sportmodular
Der AGV Sportmodular wiegt in der Grösse Medium exakt 1295 g. Das wäre schon für einen herkömmlichen Integralhelm ein beeindruckend niedriges Gewicht. Für einen Klapphelm ist es schier unglaublich. Die Konkurrenz hinkt hier seit Jahren hinterher und kommt nicht einmal annähernd an solche Werte heran. Möglich wird dieses niedrige Gewicht durch den Werkstoff Carbon und die kompakten Abmessungen des Klapphelms.
Im Gegensatz zu vielen Mitbewerbern ist beim AGV Sportmodular auch das Kinnteil vollständig aus dem rennerprobten Material. Die Konsequenz mit der AGV die Gewichtsreduktion beim Sportmodular vorantreibt, zeigt sich in vielen Details. So sind beispielsweise die Ringe des Doppel-D-Verschlusses aus Titan gefertigt. Das sieht nicht nur schick aus: Der korrosionsbeständige Verschluss baut 45% leichter als ein vergleichbarer aus Stahl.
AGV Sportmodular Passform: Der Klapphelm, der scheinbar keiner ist
Die Farbvariante Refractive, in der ich den AGV ausgefasst habe, zeigt die eleganten Kohlefaserverbindungen unter einem matten Lack, er ist also schwarz. Zur besseren Sichtbarkeit und als geschicktes Design-Feature zieren ihn reflektierende Streifen. Geschickt deswegen, weil die Kante zwischen Kinnteil und Resthelm just unter einem dieser Streifen getarnt wird. Bei geschlossenem Visier kommt kein Beobachter auf die Idee, dass es sich bei dem dynamisch geschnittenen Helm um einen Klappinger handelt.
Da ich den Helm heuer zwischen April und Oktober beim täglichen Pendeln von Wien nach Wiener Neustadt trug, verzichtete ich auf ein abgedunkeltes oder verspiegeltes Visier, die Sonnenblende reicht hier vollkommen aus. Will man den Sportmodular aber noch cooler gestalten bietet das Zubehör reichlich Möglichkeiten das umzusetzen. Spätestens dann vermutet jeder, dass man einen sportlichen Integralhelm trägt.
Eng schneidet der Sportmodular auch im Inneren, was nicht zuletzt auf die kompakten Abmessungen zurückzuführen ist. Ich bin mit Grösse M gerade noch zurecht gekommen. Zwischen Kinn und Helm bzw. zwischen Visier und Nase ist kaum ein Finger breit Platz. Wie immer gilt: Unbedingt im Laden aufsetzen und probieren, ob nach längerem Tragen Druckstellen entstehen!
Der AGV Sportmodular im Alltagstest: Stadt, Landstrasse, Autobahn
Der Test im schnöden Alltag offenbart natürlich auch gnadenlos die Schwächen eines jeden Helms. So fällt bereits bei den ersten Testfahrten auf, dass der Klappmechanismus nicht optimal schliesst. Um sicher zu gehen, dass die Haken links und rechts eingerastet sind, ist Nachfassen mit beiden Händen unumgänglich. Die Hoffnung, dass sich dieser Umstand mit fortschreitender Tragedauer gibt, erfüllte sich leider nicht. Insbesondere bei Fahrten im Stadtverkehr im Hochsommer, ist man an der Ampel froh, kurz durchlüften zu können. Hier wäre es schön, würde der Sportmodular beim Visierzuklappen satt einrasten, tut er aber nicht.
Rund 40 Kilometer Autobahnfahrt trennen Wr. Neustadt und Wien. Hier kann der Sportmodular durchaus punkten. Meine Befürchtung, dass die Dämmung aufgrund des geringen Gewichts mässig sein dürfte, bestätigte sich nicht. Das liegt wohl auch an der hervorragenden Aerodynamik des AGV-Klapphelms, beeindruckend was hier möglich ist. Die Windgeräusche liegen nur leicht über dem Niveau eines guten Integralhelms. Auch auf längeren Etappen, während meiner diesjährigen Motorradreisen, kam ich gut zurecht. Eine Empfehlung für alle geräuschempfindlichen Piloten, ist der Gehörschutz von Neuroth, ohne den ich ausserhalb der Stadt quasi nicht mehr unterwegs bin.
Grossteils bewegte ich den AGV Sportmodular auf Motorrädern mit gutem bis sehr gutem Windschutz. Für die ein oder andere schnelle Feierabendrunde trug ich ihn aber auch auf unterschiedlichen Nakedbikes. Das Sena-Kommunikationssystem, das ich oft montiert hatte, erzeugte dabei leicht irritierende Verwirbelungen bei Geschwindigkeiten ab ca. 90 km/h. Die Montage der Lautsprecher erfolgte dank entsprechender Ausnehmungen im Helm übrigens problemlos.
AGV Sportmodular: Erfahrungen im Sommer und Winter, bei Hitze und Kälte
Der Clou am AGV Sportmodular ist das wendbare Innenfutter des Helms. Es gibt eine kuschelig warme Seite für tiefe Temperaturen, Shalimar genannt und eine, die Belüftung fördernde, glatte Seite für heisse Fahrtage im Sommer, die den Namen Ritmo trägt. Beide Seiten sind sehr angenehm gestaltet, das weiche, hypoallergene und schnelltrocknende 2 Dry-Material für Feuchtigkeitsregulierung macht hier einen guten Job.
An nassen Tagen ist der Sportmodular ebenfalls eine gute Wahl. Das hinteren Lippenprofil ist so gestaltet, dass Regen und Spritzwasser vom Hals weggeleitet werden, das Eindringen von Feuchtigkeit wird verhindert.
Visier und Sichtfeld des AGV Sportmodular - PinLock inklusive
Das Panoramavisier bietet dem Fahrer 190° periphere und 85° vertikale Sicht. Gute Werte im Klassenvergleich. Darüberhinaus erfolgt die Belüftung über verschiedene Wege, die zentral über den Belüftungssteuerungsmechanismus am Kinnteil bedient werden. Der Visierwechsel kann werkzeugfrei erfolgen und ist schnell erledigt. Ein Sicherheitsfeature stellt die Visierverriegelung dar, die den Gesichtsschutz fest an seinem Platz hält. Die Bedienung ist mit Handschuhen möglich, erfordert allerdings etwas Handkraft. Nach einigen Öffnungs- und Schliessvorgängen hat man den Dreh jedoch heraus.
Der AGV Sportmodular besitzt serienmässig das P120 PinLock-Visier, das das Anlaufen des Visiers verhindern und damit auch bei feuchten Verhältnissen bzw. bei grossen Temperaturunterschieden der Durchblick gewährleisten soll. Leider funktionierte die Beschichtung an einer Stelle unterhalb der Nase nicht einwandfrei. Auch mehrere Neupositionierungen, eine davon durch einen AGV-Händler brachten keine Verbesserung und trüben den Eindruck des Helms im wahrsten Sinne des Wortes.
Belüftung und Aerodynamik auf hohem Niveau - typisch AGV
Lediglich 3 Lüftungsöffnungen stehen beim AGV Sportmodular zur Verfügung. Zwei sind für die Luftzufuhr und eine für die Luftabfuhr zuständig. Die Öffnung zur Luftabfuhr hinten am Helm dient zugleich als verstellbarer Spoiler für individuelle Anpassung passend zur Fahrposition- sei es auf einer Reiseenduro oder einem Sporttourer. Dieser Spoiler wurde im Windkanal entwickelt und sorgt neben dem geringen faktischen für ein ebenso niedriges dynamisches Gewicht. Die auf den Helm einwirkenden Kräfte, werden minimiert, was wiederum zum ermüdungsarmen Tragen des Sportmodular beiträgt.
Das Belüftungssystem ist trotz der geringen Anzahl an Öffnungen sehr funktionell. Über mehrere Bahnen wird der Luftstrom aus der jeweiligen Öffnung geschickt um den gesamten Kopf verteilt. Hier sammelt der AGV Bestnoten. Wichtig: Auch die Abfuhr der vom Kopf erwärmten Luft aus dem Helm funktioniert gut. Anzumerken ist, dass das Geräuschniveau bei geöffneten Lüftungen merklich ansteigt.
Grössen, Farben und Preis des AGV Sportmodular
Der AGV Sportmodular ist in Grössen von 2XS-3XL und verschiedenen Farb-Varianten erhältlich. Er ist in drei Helmschalengrössen 2XS-M, L-XL, 2XL-3XL ausgeführt. Angesichts des sehr hohen Preises von mindestens 700 Euro, waren meine Erwartungen an den Sportmodular entsprechend gross. Er ist nicht der leiseste, nicht der komfortabelste und hat an der ein oder anderen Stelle gepatzt. Dennoch: Für Personen, denen ein leichter Helm wichtig ist und die auf einen Klapphelm nicht verzichten wollen, gibt es derzeit keine bessere Wahl am Markt.
Bericht vom 18.10.2021 | 28.442 Aufrufe