Ten Kate CBR 1000/600
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Das Privileg, echte
Werksmotorräder fahren zu dürfen, beginnt mit einem typischen Anruf von
Nils. Hearst Gramma wüst a poar Tog Urlaub mochn?! Als ich das
hörte stellte es mir die Nackenhaare auf, weil er mir damit
unzweifelhaft zu verstehen gab, dass er entweder nicht konnte, oder
nicht wollte und ich sowieso nichts dafür bekommen würde. Das Angebot,
am Montag nach dem letzten Superbike und Supersport WM-Lauf in
Magny-Cours die Motorräder von James Toseland und Kenan Sofuoglu Probe
zu fahren, konnte ich mir natürlich trotzdem nicht entgehen lassen. |
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Der Trip startete ganz unschuldig
am Samstag um 15.00 Uhr auf der Autobahnraststelle in St. Pölten und
endete mit einigen Flüchen, als wir am Sonntag um 06.00 Uhr in der Nähe
von Nevers das Quartier bezogen. Von Honda Austria begleitete mich
Christian Zwedorn, dessen Qualität als Reiseleiter ich in dieser Nacht
sehr zu schätzen gelernt habe.
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Erstes Sahnestück waren die VIP-Tickets vom
Team Hannspree Ten Kate Honda, die es uns ermöglichten, bei der
WM-Entscheidung der Superbikes hautnah dabei zu sein. Zu erwähnen ist,
dass uns die hervorragende Verpflegung in der Team Hospitality die
Schrecken der Nacht schnell vergessen liess und wir gestärkt den ganzen
Tag im Fahrerlager verbringen konnten. |
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Boxenstrasse Magny-Cours |
Gespannt verfolgen die
Teammitglieder den ersten Superbike Lauf |
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James Toseland
bereitet sich auf den zweiten Lauf vor, auch ein Weltmeister muss sich
um seinen Helm kümmern. |
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Beginn der letzten Dienstfahrt für Ten Kate |
Konzentration vor dem Start |
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Nach dem Gewinn des
Weltmeistertitels |
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Motorräder vor
der Testfahrt |
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Wartende
Journalistenmeute vor der Testfahrt |
Ten Kate Honda CBR 600
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Die erlaubten Änderungen gegenüber
dem Serienmodell sind naturgemäss durch das Supersportreglement gegeben
und damit begrenzt. Aber offensichtlich schaffte es Ten Kate in den
letzten Jahren durch akribische Arbeit bessere Motorräder abzuringen als
die Konkurrenz. Die Serienweltmeistertitel in dieser Klasse sprechen
eine deutliche Sprache.
Genaue Angaben in Bezug auf Leistung, Drehmoment, Verdichtung usw.
konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Nur die Drehzahl ist mit
16.500 U/min begrenzt. Eine höhere Drehzahl bringt nach Auskunft der
Techniker keinen Vorteil.
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Gefahren sind wir die 600er auf einem 2,5 km langen Kurs neben der GP
Strecke. Gleich die erste Runde offenbarte eine handfeste
Überraschung. Das WP-Fahrwerk der Sofuoglu-CBR war sehr weich
abgestimmt. Ich hatte eigentlich genau das Gegenteil erwartet.
Zuerst dachte ich, dass für diese Journalistenfahrt möglicherweise die
Abstimmung in Richtung soft verändert wurde. Der zuständige Techniker
versicherte mir jedoch glaubhaft, dass es sich dabei genau um die
Einstellung handelte, mit der Kenan gestern den SSP WM-Lauf gewonnen
hat. Das nehme ich zur Kenntnis und als Beweis dafür, wie sehr das Set
Up von den Vorlieben bzw. dem Stil des Fahrers abhängig ist.
Ansonsten entsprach das Motorrad genau meinen Erwartungen. Das Handling
war schon knapp an der Grenze zur Instabilität. Konnte man eine Kurve
nicht auf Zug fahren, begann bereits eine leicht Rührbewegung um die
Längsachse. Vielleicht liegt das auch an der für mich ungewohnten
Sitzposition. Die Fussrasten sind sehr hoch angebracht und die
Lenkerstellung ist eher eng.
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Ein wirkliches Highlight ist der Motor.
Der zieht von unten nach oben mit einer Vehemenz durch, dass man glauben
könnte, es handelt sich um eine 750er.
Da kein Drehzahlmesser vorhanden ist (dieser lenkt den Fahrer nur
ab behauptet zumindest Herr Ten Kate) zeigen Leuchtdioden in
Verbindung mit einem Schaltblitz den richtigen Zeitpunkt für den
Gangwechsel an. Weiters wird noch die Wasser- und Öltemperatur
angezeigt.
Der grosse Wasser- und Ölkühler sorgt konstant für die gewünschten
70°C. |
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Wie speziell die Motorräder auf die einzelnen Fahrer zugeschnitten
werden zeigt sich auch im Detail. Sebastien Charpentier verwendet
einen kleinen Hebel am Lenker als Zündunterbrecher, um den Schaltvorgang
so effizient wie möglich zu gestalten.
Kenan Sofuoglu bevorzugt einen normalen Schaltautomaten, der nur durch
Betätigung des Schalthebels aktiviert wird. Der gelbe Schalter ist der
Speedlimiter für die Boxenstrasse.
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Einige gut durchdachte Lösungen,
die auch für das Hobbyfahrerlager von Nutzen sein könnten, entdeckte ich
beim Räderwechsel. |
Am Antriebsadapter des Hinterrades sind alle
Ruckdämpfer mit Draht in ihrer Position gesichert. Ausserdem ist der
innere Bremsbelag am Bremssattel fixiert. So lässt sich das Hinterrad
schnell und ohne Fummelei wechseln. |
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Um das Vorderrad schnell zu wechseln werden nicht
die Bremssättel demontiert, sondern der Kotflügel. Dieser ist nur
mittels Schnellverschluss und Schiebesitz befestigt. |
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Nachdem der Kotflügel und die Achse entfernt sind
werden die Bremssättel zur Seite gedreht und das Vorderrad entfernt. Die
Bremsbeläge werden mit einem Keil in Position gehalten |
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Ten Kate Honda CBR 1000
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Als wir nach den Runden mit der kleinen CBR
wieder in der Boxenstrasse des GP-Kurses angekommen waren, die
Journalisten nach Zeitplan eingeteilt wurden und wir einen mächtigen
Teller Nudeln verschlungen hatten, machte sich eine gewisse Anspannung
breit. Denn erstens kannte ich die Strecke nicht und zweitens ist eine
Werksmaschine mit 1000 ccm kein Kinderspielzeug. |
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Einige sehr entscheidende Infos bezüglich des
Streckenverlaufs holte ich mir von Roland Resch, der Tags zuvor den
Suzuki European Cup mit dem sehr beachtlichen vierten Gesamtrang
abschloss. |
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Als dann um 13.40 Uhr Kenan Sofuoglu von der
Maschine stieg und ich darauf Platz nahm, war ich tatsächlich
einigermassen nervös. Einerseits wollte ich unbedingt in Erfahrung
bringen, wie diese Dinger anschieben und andererseits hatte ich
gehörigen Respekt vor den 1. Gang Spitzkehren. Als ich dann das erste
Mal diesen ewig langen, fast geraden Rechtsbogen von der Estoril zur
Adelaide Kurve durchbeschleunigte, hatte ich noch Rolos Worte im Kopf
Wenn du den Mobil-Bogen siehst musst du wirklich bremsen! |
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Ich habe den Bogen nur mehr aus den
Augenwinkeln gesehen und war gerade noch in der Lage so stark zu
Bremsen, dass ich die Spitzkehre auf der Aussenbahn umrunden konnte. Was
mir sofort zu der Erkenntnis verholfen hat, dass dieses WP-Fahrwerk
wesentlich straffer und neutraler abgestimmt war als das der 600er.
Insgesamt verhielt sich die grosse Honda viel mehr nach meinem Geschmack.
Sie lag wesentlich ruhiger am Kurveneingang und war weit weniger
aggressiv beim Schräglagenwechsel. Diese Eigenschaft ist sehr
vertrauensbildend, wenn man sich mit ca. 200PS auf einem Kurs bewegt,
den man nicht kennt. |
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Die Qualität der Bremsanlage kann mit dem Wort
phänomenal erschöpfend beschrieben werden. Der Motor gab mir ein
kleines Rätsel auf. Roland, der vor mir die Gelegenheit hatte, das
Superbike zu fahren, erzählte danach, dass er das Gefühl hatte der Motor
setzt in Schräglage wegen der Traction Control nur gedrosselt seine
Leistung frei. Ich dachte mir nur, Schon wieder ein Wiener, der nach 2
Runden ein Werksmotorrad ausquetscht! Als ich an der Reihe war hatte
ich aber auch das Gefühl, als ob die Leistung beim Beschleunigen in
Schräglage arg beschnitten wurde. Erst als das Motorrad fast ganz
aufgerichtet war, schoss es los wie die sprichwörtliche Kanonenkugel und
hob nach jedem Schaltvorgang das Vorderrad. In dieser Phase schwankte
ich zwischen Genuss und Erschrecken hin und her.
Die Techniker, auf diese Leistungsentfaltung angesprochen, wanden sich
wie Würmer am Haken. Eine befriedigende Antwort habe ich jedenfalls
nicht erhalten. Fakt ist, dass die Traction Control auf Stufe 2 von 7
eingestellt war.
Die Sitzposition war bis auf die sehr eng stehenden Lenker eher
entspannt.
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Ein Detail das zeigt, wie ernst
die Männer aus Holland die Leistungssuche nehmen, ist mir an der
600er wie an der 1000er aufgefallen,. Der im Kurbelgehäuse durch das Blow-By
Gas entstehende Druck wird nicht wie üblich direkt in die Airbox
entlüftet, sondern zuerst über ein luftgekühltes Aluminiumrohr geleitet.
Erst dann gelangt das Gas in den Luftfilterkasten. |
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Dadurch entsteht der Vorteil, dass die vom Motor
angesaugte Luft kühler und damit dichter bleibt, was sich prinzipiell
leistungssteigernd auswirken sollte. Wie und ob sich dieser Kniff
tatsächlich auswirkt, kann ich nicht einmal schätzen, und um diese
Information zu bekommen hätte ich wahrscheinlich die ganze
Boxenmannschaft foltern müssen. |
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Die am linken Lenker angebrachten
Bedienknöpfe haben folgende Funktion: |
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rot/grün - schalten der 7 stufigen Traction
Control
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blau - Launch Control
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schwarz mit weissem Punkt - Speedlimiter für
die Boxengasse
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schwarz - nicht belegt
-
der silberne Drehknopf ist für die
Verstellung des Handbremshebels
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Einige Informationen konnte ich
dennoch von Mr. Ten Kate erfragen:
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- Die Armatur zeigt Öl- und Wassertemperatur, Leuchtdioden für
Schaltzeitpunkt, Anzeige des eingestellten Mappings für die Traction
Control
- Für die gesamte Elektronik des Motorrades wird die Software der
englischen Firma PI verwendet. Darin enthalten ist auch eine Wheely
Control. Diese wollte James aber bei senkrecht stehendem Motorrad
immer ausgeschaltet haben, weil er sonst das Gefühl hatte,
zurückgehalten zu werden.
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Auf den schnellen Strecken werden Ten Kate
Nockenwellen, auf eher langsamen (häufiger) werden HRC Teile
verwendet.
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maximale Motordrehzahl 14.000 U/min
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Fahrwerk von WP, Gabel und Federbein
Druckstufe verstellbar in High- und Lowspeed
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Abschliessend möchte ich mich noch bei Carlo
Fioriani, dem Motorsportmanager von Honda in Europa und Christian
Zwedorn von Honda Austria für die Einladung zu dieser
aussergewöhnlichen Testfahrt bedanken. |
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Zusätzlich muss ich mich bei Zwedi auch noch
entschuldigen, weil ich vor ihm mit der 1000er gefahren bin und den
Tank geleert habe. Er konnte daher nur mehr eine halbe Runde fahren und
war deswegen bitter enttäuscht. Gott sei Dank hat ihm sein Freund -
Öhlinstechniker Christian Irod - einen adäquaten und seinen Fähigkeiten
entsprechenden Ersatz beschafft. Somit war das Wochenende auch für ihn
ein Erfolg. |
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Interessante Links:
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Text: Klaus Grammer |