Kawasaki 1400 GTR
Kawasaki 1400 GTR |
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Nein, ich bin nicht falsch angezogen. Nur die Kawasaki ist verkleidet. Als Schaf. |
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Ich sitze hier in einem kleinen, französischen Lokal in einem Ort namens Saint-Nabor mit ein paar anderen, reiferen Journalisten und einem nicht unbekannten Kawasaki Mechaniker und lausche betäubt von den Strapazen der vergangenen 2 Tage und dem Rotwein den Gesprächen am Tisch. Der Herr mir gegenüber meint: Also ich esse in der Früh nur mehr Joghurt mit Früchten und abends setze ich mich aufs Rad. So halte ich mein Gewicht Aus der rechten Ecke wirft jemand ein Nach diesen zwei Tagen Völlerei hab' ich sowieso wieder 3 Kilo mehr. Dabei hab' ich erst 8 Kilo abgenommen. Seit 40 geht's mir so.. Da schlägt alles an... Deshalb bin ich ja gestern auch zweimal um den See gelaufen, um dem entgegenzuwirken. Fällt ihm ein anderer ins Wort. Typische Stammtischgespräche also. Bevor jetzt noch jemand eine Diskussion über den besten Zierblumendünger oder die schonendste Bügeleisenbeschichtung für Seidenhemden anfängt, flüchte ich mich in die Vergangenheit der letzten 48 Stunden. 48 männliche Stunden. Auf einem Gaul, dem es egal ist, dass er 280 Kilo wiegt. Und zwar ohne Futter. Vollgefressen dürften so an die 300 Kilo zusammenkommen, das Gepäck noch nicht dazugerechnet. Kann ihm aber egal sein, weil er die Kraft von 155 Pferden hat. Und mit diesen bringt er dich schneller ans Ziel, als du Kawasaki 1400 GTR sagen kannst. |
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Auf dem Weg zum Hochlandnebel. |
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Geduckte Haltung bei niedrigem Windschild. Am besten fährt man mit der mittleren Position. |
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Kawas neuer Sporttourer. Mit keinem anderen Motorrad dieser Klasse ist man so sportlich unterwegs und kann derart hart angreifen. Ein Reisemotorrad auf dem man im Racingleder nicht deplatziert wirkt. Beheizte Griffe oder Sitzbank gibt es keine. Dafür beschenkt uns eine variable Ventilsteuerung (VVT) mit einer unvergleichlichen Drehmomentkurve, die über das Drehzahlband für einen konstanten Schub sorgt, der so gleichmässig hart anschiebt, dass man trotz Schaltens das Gefühl hat, man würde in einem Gang bis weit über 200 durchbeschleunigen. Vibrationen sind kaum erwähnenswert, ebenso wie die Lastwechselreaktionen. Zwei Ausgleichswellen sorgen wie auch in der ZZR 1400 für einen äusserst ruhigen Lauf des Motors, beim Runterschalten aus hohen Drehzahlen kümmert sich eine angenehm leicht zu bedienende Anti-Hopping-Kupplung, sonst nur in reinen Sportmotorrädern verbaut, um unerwünschtes Hinterradstempeln, sprich sie eliminiert es. Der Konkurrenz ist die Kawasaki zumindest auf dem Papier ein Stück weit voraus. Yamahas FJR 1300 hat mit 143,5 PS leistungsmässig etwas das Nachsehen, drückt aber ein Drehmoment von 134,4 Nm auf die Kurbelwelle. Die K1200GT aus Bayern liegt dagegen mit 152 PS nur knapp hinter der GTR, kann mit 130 Nm bei 7.750 U/min. dafür beim Drehmoment nicht ganz mithalten. Wie man sieht wollte sich Kawasaki nicht erst hinten anstellen. Ziel war ein Sporttourer mit möglichst viel "Kawasakiness". Und das bedeutet sicher nicht Leistungsmangel. Kawasakis ganz persönliche Definition von Touring richtet sich daher an erfahrene Fahrer, die hohe Leistung bei hoher Sicherheit wollen. Und damit sich die Sportfahrer nicht vom Kardanantrieb schrecken lassen, hat man eine Schwingenkonstruktion entwickelt, die den Kardan verdammt nah an die Kette bringt. Durch den Tetra-Lever wird das Aufstellmoment minimiert, die Direktheit bleibt. Das beste aus zwei Welten. Ein aussergewöhnliches Fahrerlebnis. |
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Das Knie ist draussen, doch die Angst ist drinnen. |
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Die 155 PS beschleunigten die 300 Kilo plus Fahrer plus Gepäck auf der
deutschen Autobahn auf 260 km/h, wie mehrere Leute bestätigen konnten. Nicht
bestätigt werden konnte die Behauptung eines Spaniers, der den Zeiger des
analogen Tachometers bei der Zahl 290 gesehen haben will. (Wahrscheinlich beim
Starten, wo die Zeiger des Tachos und des Drehzahlmessers einmal komplett
ausschlagen.) Geglaubt hat ihm das keiner. Wesentlich ist aber sowieso nicht der
auf alle Fälle ausreichende Highspeed, sondern der Weg dorthin. Es war immer
wieder ein Genuss, den Gashahn zu öffnen. Es war immer Schub vorhanden, kein
Loch, kein Aussetzer, kein Erstmal-Luft-holen. Wahrscheinlich der angenehmste
Motor, den ich je gefahren bin, und ich bin schon auf Sechstylindern gesessen.
So unauffällig, dass es einem auffällt, ist der geringe Lärmpegel, was
Motorgeräusch und vibrierende Verkleidungsteile betrifft. Es vibriert nämlich
nichts. Der Auspuff mit Überlänge schluckt das Meiste und lässt den Rest erst
weit hinter dem Fahrer raus, nachdem es an zwei Katalysatoren Euro-3 konform
vorbeigeblasen wurde. Hinter der stillen Verkleidung verbirgt sich ein Geheimnis
namens Schaumgummi, der zwischen Motor und Verkleidung Platz findet und auch das
Windschild verhält sich völlig ruhig. Äusserst angenehm, nichts zu vernehmen. GTR bedeutet also 'Garantiert Temporeiche Reise', und leider nicht 'Garantiert Trockene Reise', denn der elsässische Himmel dachte anscheinend, er müsse uns immer wieder giessen, damit wir noch wachsen. Ein 155 PS Motorrad auf kurvenreichen Waldstrassen bei Regen und Nebel war nicht die brisante Mischung, die wir uns vorgestellt hatten. Die 180 Grad Kurven waren mit äusserster Vorsicht zu geniessen. Alle fuhren sie im zweiten Gang, ich nahm aus Gewohnheit den ersten. War auch kein Problem, forderte aber ein hohes Mass an Zurückhaltung. Da mir das nach einer Weile trotzdem zu riskant wurde, liess auch ich den zweiten drinnen und versuchte, so aus den Spitzkehren zu kommen. Und siehe da, die Fuhre zog ohne zu Ruckeln oder zu Stottern durch den engen Radius, selbst wenn ich das Gas schon komplett weggenommen hatte, sie kam immer wieder, war einfach nicht abzuwürgen. Irre. Da kann man praktisch nichts mehr falsch machen. Ich fuhr dann fast 90% der Strecke im zweiten Gang. Auch das ging. Allerdings war mein Tank überraschenderweise viel leerer als die der anderen. Um die Ecke kommt man übrigens recht gut. Der Radstand von 1.520 mm ist zwar keine Kleinigkeit und um immerhin 60 mm länger als der der bekanntlich kurzen ZZR 1400, aber trotzdem kürzer als die der Mitbewerber. Die goldene Mitte, in der Beweglichkeit im Winkelwerk ebenso möglich ist, wie Stabilität im weiten Radius und Geradeauslauf. |
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Kawasaki 1400 GTR Ansichten |
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Autospiegel. Sexy, aerodynamisch, Koffer im Weg. |
Charakteristische Kiemen. |
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Erhabene Logos. Bei anderen Modellen nur im Zubehörkatalog. |
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So stellt man sich ein Reisecockpit vor. |
Handschuhfach. Unpraktisch nur für Tankrucksäcke. |
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Drehknopf für den Scheinwerfer und Steckdose. | Zum Festhalten für Beifahrer oder Topcase. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Bei aller Sportlichkeit bietet die Kawa ein hohes Mass an Komfort. Die Sitzbank ist äusserst bequem, Die Sitzposition entspannt, die Fussrasten sportlich hoch abgebracht, aber nicht unangenehm. Dachte ich nach der ersten Tour. Am zweiten Tag musste ich auf den letzten Kilometern jedoch ständig die schmerzenden Knie durchstrecken. (Einen Teil dazu wird wohl auch das feucht-kalte Wetter beigetragen haben.) Die Sitzbank hat jedenfalls einen überaus guten Eindruck hinterlassen - und keinen Abdruck. Für Vielfahrer und empfindliche Popos gibt es aus dem Originalzubehör eine Gelsitzbank zum Nachrüsten. Das Windschild kann über einen Knopf am linken Lenkerende elektronisch stufenlos verstellt werden. Mir hat die unterste Position eigentlich immer gereicht, wobei die mittlere am meisten zu empfehlen ist. In der höchsten Position entstehen wie bei vielen anderen Windschildern bei höherer Geschwindigkeit über dem Helm Turbulenzen, die starken Lärm entwickeln. Ein High Screen gibt es im Zubehörprogramm. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Eine weitere entscheidende Rolle beim Thema Bequemlichkeit spielt das KIPASS System. Dieses erlaubt das Steckenlassen des Zündschlüssels. Sieht dann aus wie ein Drehknopf. Dieser kann nur bewegt werden, wenn die "FOB" Einheit in unmittelbarer Nähe ist. Man braucht die Fernsteuerung nur in der Jackentasche zu verstauen. Sitzt man auf dem Motorrad, kann man die Maschine starten, entfernt man sich von ihr, ist sie mit einer Wegfahrsperre gesichert und niemand kann den Zündschlüssel betätigen. Und das war nicht das letzte Stück Technik, das wir auf der Kawasaki gefunden haben. Auf dem Display des Boardcomputers findet sich neben den üblichen Werten wie Tankfüllung, Motortemperatur und Gesamtkilometer auch die Anzeige des Reifendrucküberwachungssystems. Bevor jetzt Datenschützer bei dem Wort Überwachungssystem an die Decke gehen: In den Reifen befinden sich Sensoren, die ständig den Druck kontrollieren. Dabei rechnen die Sensoren die Werte auf eine Temperatur von 20° C runter, damit keine falschen Warnungen ausgegeben werden. Fällt der Druck in einem der Reifen unter 2,2 Bar, erscheint auf dem Display ein Signal. Fraglich ist nur, ob man die Anzeige des Reifendrucks dauerhaft auf dem Bildschirm braucht. Vermisst haben wir eher Aussentemperatur und Durchschnittsverbrauch. Es handelt sich dabei wahrscheinlich um Zugeständnisse an die Sportlichkeit, wie auch die fehlende Griff- und Sitzheizung, die es (noch) nicht einmal im Zubehör Programm gibt. Es ist eben Kawasakis eigener Ansatz und der hat andere Prioritäten, die eh viel mehr Spass machen. Kurz vor der Abreise fasste ein Engländer in zwei Sätzen nochmal zusammen, was die Kawasaki 1400 GTR ausmacht. Einem japanischen Journalisten der nächsten Gruppe antwortete er auf die Frage, wie sich denn so ein Tourer von Kawasaki überhaupt fährt : "It's better when you go fast. It's still a Kawasaki." (Es ist besser, wenn man schnell fährt. Es ist immer noch eine Kawasaki.) |
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Drehknopf statt Schlüssel. Nur wenn das FOB in der Nähe ist und man auf den Drehknopf drückt, kann er betätigt werden. |
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Links zur Kawasaki 1400 GTR |
Text: kot |
Fazit: Kawasaki GTR 1400 2007
Mit keinem anderen Motorrad dieser Klasse ist man so sportlich unterwegs und kann derart hart angreifen.- Sehr leistungsfähiges Motorrad
- beheizte Griffe/Sitzbank
- kaum Vibrationen spürbar
- ruhiger Motorlauf
- extrem schnell unterwegs
- Komfort
- KIPASS-System.
- Relativ hohes Gesamtgewicht
- recht geringe Reichweite
- nicht allzu wetterresistent
- Display ohne Aussentemperatur- und Durchschnittsverbrauchsanzeige
Bericht vom 23.07.2007 | 14.812 Aufrufe