Aprilia Tuareg 660 vs. Yamahas Tenere 700 Rally Edition Vergleich

Zwei Wege führen zum selben Ziel abseits der Strassen

Mit 204 Kilo vollgetankt und ernsthaften Offroad-Ambitionen kehrt Aprilia 2022 auf den heiss umkämpften Reiseenduro-Markt zurück. Klingt irgendwie vertraut. Richtig, Yamaha startete genau so 2019 mit der Tenere 700 einen beispielhaften Erfolgslauf. Was also lag näher, als den Newcomer gleich mit dem Platzhirschen der "unteren Mittelklasse" zu vergleichen? Wir liessen die neue Tuareg 660 gegen die Rally Edition der T7 antreten, weil die preislich am ehesten zueinander passen.

von wolf am 19.04.2022

Ähnlich, aber auf irgendeine Art "hinkt" dieser Vergleich immer

Der Erfolg der Tenere basiert auch in der Tatsache, dass sie richtig puristisch ohne elektronische Fahrhilfen daher kommt, bis auf das vorgeschriebene ABS diesbezüglich nichts an Bord ist. Das mögen ihre Fans. Bei Aprilia war der Zugang ein völlig anderer, verpasste man der Tuareg so ziemlich alles, was die Elektronik derzeit am Sicherheits-Sektor in der Mittelklasse zu bieten hat. Daher liegt man preislich auch recht deutlich über der Tenere (in Österreich beträgt der Unterschied mehr als 2000 Euro), wäre rein vom Einstandspreis die neue Tenere World Raid für den Vergleich fast noch prädestinierter, die ja auch punkto Federwege näher bei der Aprilia ist allerdings mit 220 kg fahrfertig vom Gewicht wieder in einer anderen Liga spielt. Unsere Wahl fiel daher auf die Tenere 700 Rally Edition, wobei uns klar ist, dass jeder Vergleich nicht zuletzt durch die unterschiedliche Elektronik-Ausstattung immer auf eine gewisse Art "hinken" wird…

Die 7 Mehr-PS der Aprilia gegenüber den CP2 sind in der Praxis nicht spürbar

Starten wir den bzw. beim Motor. Aprilia bediente sich für die Tuareg aus dem Baukasten mit Tuono 660 bzw. RS 660, wobei der 659-Kubik-Reihenzweizylinder hier nicht 100 PS leistet, sondern mit 80 (bei 9.250 U/min) das Auslangen findet. Das maximale Drehmoment von 70 Newtonmeter steht bereits bei 6.500 Touren bereit. Was einen Motor ergibt, der durchzugsstark am Gas hängt und richtig gut in eine Reiseenduro passt, mit 7 PS mehr als in der Tenere. Auf dem Papier. Denn in der Praxis ist dieser Unterschied nicht zu spüren, gefühlt der CP2 von Yamaha sogar einen Tick stärker. Der aus der MT-07 bekannte Crossplane-Zweizylinder mit 73 PS (bei 9.000 U/min) bzw. 68 Nm (bei 6.500 U/min) besticht durch Präsenz von unten heraus. Wenn die Aprilia hier einen "Vorteil" geniesst, dann höchstens in Drehzahlbereichen, in denen Reiseenduros nur selten bewegt werden. Unterm Strich erfüllen beide Aggregate die Anforderungen dieser Klasse vortrefflich, können sowohl mit guten Manieren fein dosiert durchs Gelände bewegt werden, als auch Sportlichkeit bei der engagierten Pässehatz.

Jede Menge einzustellen am TFT-Farbdisplay der Tuareg

Ganz anders schaut es aus, wenn es um die elektronischen Assistenzsysteme geht. Denn damit geizt die Yamaha, hat wie erwähnt nur ABS dabei. Und das ist auch 2022 lediglich ganz abschaltbar, ein nur am Hinterrad deaktiviertes Offroad-ABS bleibt der neuen World Raid vorbehalten. Bei der Tuareg kann der Fahrer zwischen vier Fahrmodi wählen, die während der Fahrt einfach mit dem Knopf am rechten Lenker verstellt werden können: Explore steht für die sportliche Strassenfahrt, Urban für den Stadtverkehr, Offroad für unbefestigte Wege, ein frei konfigurierbaren Rider-Mode für die persönlichen Präferenzen. Die einzelnen Modi unterscheiden sich in den voreingestellten Parametern fürs Ansprechverhalten bzw. Gasannahme, Motorbremse, Traktionskontrolle und ABS, wobei die Traktionskontrolle mit der eigentlich zum ebenfalls serienmässigen Tempomat gehörenden Wippe auch während der Fahrt in jedem Modus vierstufig verstellt werden kann. Der Unterschied ist gut spürbar: In Stufe eins reguliert sie äusserst dezent, womit auch Drifts im Schotter gut möglich sind, in Stufe vier greift sie schon sehr früh ein. Selbstverständlich kann man die Traktionskontrolle aber auch vollständig deaktivierten. Aufs ABS kann nur im Offroad- bzw. Individual-Modus eingegriffen werden, zur Wahl steht normales ABS, Offroad-ABS am (Hinterrad deaktiviert) oder vollständig deaktiviertes ABS. Einzustellen bzw. gut abzulesen ist das alles am 5-Zoll-TFT-Farbdisplay, die Menüführung am linken Lenker so logisch, dass man rasch damit vertraut sein wird. Die Tenere begnügt sich mit einem LCD-Display, das im Hochformat an ein Rally-Roadbook erinnern soll, liefert aber auch alle Infos übersichtlich und gut lesbar.

Punkto Ergonomie gibt es bei beiden Motorrädern nichts zu meckern

Also aufgesessen! Der Sitz der Aprilia ist nicht nur etwas komfortabler, sondern mit einer Höhe von 860 Millimeter auch zugänglicher für nicht so grosse Fahrer, die Tenere Rally kommt mit der hohen Sitzbank (890 Millimeter) daher, aber schon in der Standardversion sitzt man auf der Yamaha mit 875 Millimeter höher. Der Schrittbogen ist bei beiden Motorrädern recht schmal, wodurch sich die Höhe ein wenig relativiert. Insgesamt ist die Ergonomie auf beiden ausgezeichnet bzw. gut fürs entspannte Reisen, im direkten Vergleich sitzt man auf der Tuareg etwas mehr "im" Motorrad, auch bei der Stehend-Position gibts bei beiden nichts zu meckern, fühlt man sich auch auf langen Offroad-Etappen wohl. Auch die Service-Intervalle von jeweils 10.000 Kilometern oder einmal im Jahr sowie das fahrfertig vollgetankte Gewicht mit jeweils 204 Kilo sind ident, wobei die Tuareg trocken etwas weniger wiegt, kommt sie doch mit einem 18-Liter-Tank daher, während es bei der Tenere 16 Liter sind.

Die Tuareg fasst ganze 18 Liter Benzin - die Tenere "nur" 16.

Bei den Federwegen ist plötzlich die Tuareg die "Puristische"

"Purisitsch" kann aber auch die Aprilia, nämlich bei den Federwegen: Stolze 240 Millimeter vorne wie hinten liegen doch deutlich über den Werten der Yamaha mit 210 bzw. 200 Millimeter und bieten letztlich Offroad mehr Reserven, wenn es auch ordentlich zur Sache gehen muss, um den Unterschied spürbar zu machen. Vom Grund-Setting setzte sich nämlich der erste Eindruck von mehr Komfort-Orientiertheit der Tuareg auch beim Fahrwerk fort, da die Kayaba-Komponenten jedoch voll einstellbar sind, lässt sich dies aber perfekt individuell anpassen. Auch bei der von Haus aus etwa straffer abgestimmten Tenere lassen sich die Federelemente bis auf die Vorspannung vorne voll einstellen. Punkto Bodenfreiheit schenken sie einander nichts, jeweils 240 Millimeter sind selbst im groben Terrain ausreichend. Und dort schlagen sie sich in der Praxis beide ausgezeichnet, kommen weiter, als die meisten Fahrer gewillt sein werden.

Die Bremsen passen bei beiden gut ins Gesamt-Konzept

Wenn man über die Bremsen in einem Vergleichstest nicht viel nachdenken muss, dann machen sie ihren Job gut, und das trifft sowohl auf die Tuareg, wie auch auf die Tenere zu. Erstere hat vorne eine 300-Millimeter Doppelscheibe mit Vierkolben-Zange und hinten eine 260-Millimeter-Scheibe (Zweikolben), die Yamaha vorne zwei 282-Millimeter und hinten eine 245-Millimeter-Scheibe. Beide verzögern nicht überragend aber ordentlich auf der Strasse und sind vor allem nicht zu giftig abseits davon. Dort lässt sich bei der Aprilia der Vorteil das Offroad-ABS nützen, mit dem man etwa mit der Hinterbremse in eine Kurve driften kann, ohne deshalb ABS vorne zu verlieren, was bei einer Schreckbremsung kein Nachteil sein kann. Natürlich können viele mit vollständig deaktiviertem ABS umgehen, wirklich "brauchen" wird man das aber nur bei sehr steilen Offroad-Abfahrten.

Beim Thema Bremsen schenken sich die Bikes nicht viel.

Etwas undurchschaubare Preisgestaltungen - aber günstiger ist der Einstieg bei Yamaha

Etwas kompliziert sind die Preisvergleiche: Da liegt die Tenere 700 Rally Edition, die neben der feschen Rally-Lackierung und der höheren Sitzbank mit robustem Motorschutz und einem Akarapovic-Slip-On daherkommt, nämlich interessanter Weise in Deutschland mit 12.374 Euro knapp über der Tuareg 660 (11.990 Euro), während sie in Österreich mit 12.899 Euro günstiger als die Aprilia (13.490 Euro) ist. Der Aufpreis für die weiss-rot-blaue Farbkombination "Indigo Tagelmust" bei der Tuareg fällt wiederum in Deutschland mit 700 Euro höher aus als in Österreich (500), was wohl darin begründet ist, dass man hierzulande die 14.000-Euro-Marke nicht überschreiten wollte und so mit 13.990 Euro noch knapp darunter liegt. Unterm Strich ist der Einstieg in die Welt der Yamaha Tenere 700 auf alle Fälle günstiger, bekommt man diese doch in der Basis-Version schon um 10.774 (D) bzw. 11.199 Euro.

Wolfs Fazit: Vergleich Aprilia Tuareg 660 vs Yamaha Tenere 700 Rally Edition

Beide Motorräder sind bereit für die Reise, egal wo diese hingehen mag, machen sowohl auf, als auch abseits der Strasse Spass. Auch dort fährt die Tuareg 660 absolut auf Augenhöhe mit der Tenere 700, bietet sogar ein Mehr an Federweg und hat obendrein jede Menge Elektronik an Bord. Dies wird auch das Haupt-Entscheidungskriterium sein: Wer das nicht mag, hat mit der puristischen Yamaha sein Weltenbummler-Gefährt, wer darauf nicht verzichten will, der findet jetzt mit der Aprilia ein von den Fahrleistungen vergleichbares Motorrad, das freilich die von der Tenere längst zigfach gelebte Unverwüstlichkeit erst in der Praxis unter Beweis stellen wird müssen. Insgesamt kommt die Tuareg 660 jedenfalls ein wenig komfortabler daher und darf getrost auch als grosser Wurf bezeichnet werden.

Vaulis Fazit zum Vergleich Aprilia Tuareg 660 vs. Yamaha Tenere 700 Rally:

Reiseenduros erfreuen sich nach wie vor grösster Beliebtheit und es stellt sich eigentlich gar nicht die Frage, warum das so ist - keine andere Motorrad-Gattung ist so universell einsetzbar! Während sich aber ziemlich alle Hersteller zu grösser, stärker und besser ausgestattet hinreissen liessen, brachte Yamaha mit der Tenere 700 ein erfrischend puristisches Adventure-Bike auf den Markt. Und auch in der 2022er-Tenere 700 Rally ist das abschaltbare ABS das einzige Highlight in Sachen Elektronik, mehr gibt´s nicht.

Da geht die brandneue Aprilia Tuareg 660 schon einen anderen Weg, präsentiert sich mit vier Fahrmodi (zwei davon frei konfigurierbar), einstellbarer Traktionskontrolle, abschaltbarem ABS (nur am Hinterrad oder ganz weg), serienmässigem Tempomat und sogar justierbarer Motorbremse in Sachen Elektronik um ein Vielfaches besser ausgestattet. Insgesamt bleibt sie beim Preis dennoch in Schlagdistanz zur Tenere 700 Rally und wirft mit ihren 240 Millimeter Federweg vorne und hinten sogar eine noch ernsthaftere Offroad-Tauglichkeit in den Topf (Tenere 700 Rally vorne 210 mm, hinten 200 mm).

Aprilia wird also schwer leugnen können, die Tenere 700 ins Visier genommen zu haben, denn selbst beim Gewicht sind sich die beiden auf das Kilogramm genau einig. Einen klitzekleinen Vorteil der Yamaha sehe ich im Motorenkapitel. Der zwar nominell um 7 PS schwächere CP2-Motor ist nun mal ein geniales Triebwerk und wirkt für mich sogar etwas spritziger als der ebenfalls zweizylindrige Motor der Tuareg 660. Wirklich entscheidend ist dieser Unterschied allerdings nicht, auch die Tuareg macht ihre Sache insgesamt richtig gut. Ich kann also mit gutem Gewissen beide Exemplare empfehlen. Die Italienerin all jenen, die eine geländegängige Reisebegleiterin suchen, aber nicht auf die aktuell möglichen Elektronik-Features verzichten und preislich dennoch am Teppich bleiben wollen. Die Japanerin all jenen, die es ebenfalls von der befestigten Strasse wegzieht, die es aber ganz puristisch ohne Zusatz-Gimmicks mögen. Da dürfte es für mich persönlich sogar die noch günstigere normale Tenere 700 ohne Rally-Upgrade sein.

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